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Siegfried Lenz lässt Herzen durch Lakritz sprechen

Siegfried Lenz lässt den Protagonisten in „Eine Liebesgeschichte“ (aus dem Buch ‚So zärtlich war Suleyken, Masurische Geschichten‘) sagen: „Willst, Lakritz?“
ISBN: 3-596-11739-9

So zärtlich war Suleyken, Masurische Geschichten
Die achtzenhnte der masurischen Geschichten

Eine Liebesgeschichte

Joseph Waldemar Gritzan, ein grosser, schweigsamer Holzfäller, wurde heimgesucht von der Liebe. Und zwar hatte er nicht bloss so ein mageres Pfeilchen im Rücken sitzen, sondern, gleichsam seiner Branche angemessen, eine ausgewachsenen Rundaxt. Empfangen hatte er diese Axt in dem Augenblick, als er Katharina Knack, ern ausnehmend gesundes, rosiges Mädchen, beim spülen der Wäsche zu Gesicht bekam. Sie hatte auf ihren ansehnlichenKnien am Flüsschen gelgen, ein paar Härchen im roten Gesicht, während ihre beträchtlichen Arme herrlich mit der Wäsche hantierten. In diesem Augenlick, wie gesagt, ging Joseph Gritzan vorbei, und ehe er sich’s versah, hatte er auch schon die Wunde im Rücken.

Demgemäss ging er nicht in den Wald, sondern fand sich, etwa um fünf Uhr morgens, beim Pfarrer von suleyken ein, trommelte den Mann Gottes aus seinem Bett und sagte: „Mir ist es“, sagte er,“Herr Pastor, in den Sinn gekommen, zu heiraten. Deshalb möchte ich bitten um einen Taufschein.“
Der Pastor, aus mildem Traum geschreckt, besah sich Josef Gritzan ziemlich ungnädig und sagte: „Mein Sohn, wenn dich die Liebe schon nicht schlafen lässt, dann nimm Zumindest Rücksicht auf andere Menschen. Komm später wieder, nach dem Frühstück. Aber wenn du Zeit hast, kannst du mir ein bisschen den Garten umgraben. Der spaten steht im Stall.“
Der Holzfäller sah einmal rasch zum Stall hinüber und sprach: „Wenn der Garten umgegraben ist, darf ich dann bitten um einen Taufschein?“
„Es wird alles genehmigt wie eh und je“, sagte der Pastor und empfahl sich.

Joseph Gritzan, beglückt über diese Auskunft, begann dergestalt den Spaten zu gebrauchen, dass der Garten schon nach kurzer Zeit umgegraben war. Dann zog er, nach Rücksprache mit dem Pfarrer, den Schweinen Drahtringe durch die Nasen, melkte eine Kuh, erntete zwei Johannisbeerbüsche ab, schlachtete eine Gans und hackte einen Berg Brennholz. Als er sich gerade daran machte, den Schuppen auszubessern, rief der Pfarre ihn zu sich, füllte den Taufschein aus und übergab ihn mit scnften Ermahnungen Josef Waldemar Gritzan. Na, der faltete das Dokument mit umständlicher sorgfalt zusammen, wickelte es in eine Seite des Masuren-Kalenders und verwahrte es irgendwo in der weitläufigen Gegend seiner Brust. Bedankte sich natürlich, wie man erwartet hat, und machte sich auf zu der Stelle am Flüsschen, wo die liebliche Axt Amors ihn getroffen hatte.

Katharina Knack, sie wusste noch nichts von seinem Zusatnd, und ebensoweinig wusste si, was alles er bereits in heimiliche Wege geleitet hatte. Sie kniete singend am Flüsschen, walkte und knetete die Wäsche und erlaubt sich in kurzen Pausen, ihr gesundes Gesicht zu betrachen, was im Flüsschen möglich war.
Joseph umfing die rosige Gestalt – mit den Blicken, versteht sich – rang ziemlich nach Luft, schluckte und würgte ein Weilchen, und nachdem er sich ausgeschluckt hatte, ging er an die Klattkä, das ist: ein Steg, heran. Er hatte sich heftig und lange überlegt, welche Worte er sprechen sollte, und als er jetzt neben ihr stand sprach er so: „Rutsch zur Seite.“

Das war, ohne Zweifel, ein unmissvertsändlicher Satz. Katharina machte ihm dann auch schnell Platz auf der Klattkä, und er setzte sich, ohneein weiteres Wort, neben sie. So sassen sie – wie lange mag es gewesen sein? – ein hables Stündchen vielleicht und schwiegen sich gehörig aneinander heran. Sie betrachteten Das Flüsschen, das jenseitige Waldufer, sahen zu, wie kleine Gringel in den Grund stiessen und kleine Schlammwolken emporrissen, und zuweilen verfolgten sie auch das Treiben der Enten. Plötzlich aber sprach Joseph Gritzan: „BAld sind die Erdbeeren soweit. Und schon gar nicht zu reden von den Blaubeeren im Wald.“ DAs Mädchen, unvorbereitet auf seine Rede, schrak zusammen und antwortete: „Ja.“
So, und jetzt sassen sie stumm wie die Hühner nebeneinander, äugten über die Wiese, äugten zum Wald hinüber, gucktenmanchmal auch in die Sonne oder kratzten sich am Fuss oder am Hals.
Dann, nach angemessener Weile, erfolgte wieder etwas Ungewöhnliches: Joseph Gritzan langte in die Tasche, zog etwas eingewickeltes heraus und sprach zu dem Mädchen Katharina Knack: „Willst“, sprach er, „Lakritz?“
Sie nickte, und der Holzfäller wickelte zwei Lakritzstangen aus, gab ihr eine, und sah zu, wie sie aß und lutschte. Es schien ihr gut zu schmecken. Sie wurde übermütig – wenn auch nicht so, dass sie zu reden begonnen hätte -, ließ ihre Beine ins Wasser baumeln, machte kleine Wellen und sah hin und wieder in sein Gesicht. Er zog sich nicht die Schuhe aus.

Soweit nahm alles einen ordnungsgemässen Verlauf. Aber auf einmal – wie es zu gehen pflegt in solchen Lagen – fief die alte Guschke, trat vors Häuschen und rief: „Katinka, wo bleibt die Wäsch‘!“
Worauf des Mädchen verdattert aufsprang, den eimer anfaßte und mir nicht dir nichts, als ob die Lakritzstange gar nicht gewesen wäre, verschwinden wollte. Doch, Gott sei Dank, hatte Joseph Gritzan das weitläufige Gelände seiner Brust bereits durchsucht, hatte auch schon den Taufschein zur Hand, packte ihn sorgsam aus und winkte das Mädchen noch einmal an sich heran.
„Kannst“, sprach er, „lesen?“
Sie nickte hastig.
Er reichte ihr den Taufschein und erhob sich. Er beobachtete, während sie las, ihr Gesicht und zitterte am ganzen Körper.
„Katinka!“ schrie die alte Guschke, „Katinka, haben die Enten die Wäsch‘ gefressen?!“
„Lies zu Ende“, sagte der Holzfäller drohend. Er versperrte ihr, weiß Gott, schon den Weg, dieser Mensch.
Katharina Knakc vertiefte sich immer mehr in den Taufschein, vergaß Welt und Wäsche, und stand da, sagen wir mal, wie ein täumendes Kälbchen, so stand sie da.
„Die Wäsch‘, die Wäsch'“, keifte die alte Guschke von neuem.
„Lies zu Ende“, drohte Joseph Gritzan, und er war so erregt, dass er sich nicht einmal wunderte über seine Geschwätzigkeit.
Plötzlich schoß die alte Guschke zwischen den Stachelbeeren hervor, ein geschwindes, üppiges Weib, schoß hervor und heran, trat ganz dich neben Katharina Knack und rief „Die Wäsch‘, Katinka!“ Und mit einem tatarischen Blick auf den Holzfäller: „Hier geht vor die Wäsch‘, Cholera!“

O Wunder der LIebe, insbesondere der masurischn; das Mädchen, das sträumende, rosige, hob seinen Kopf, zeigte der alten Guschke den Taufschein und sprach: „Es ist“, sprach es, „besiegelt und beschlossen. Was für ein schöner Taufschein! Ich werde heiraten.“ Die alte Guschke, sie war zuerst wie vor den Kopf getreten, aber dann lachte sie und sprach: „Nein, nein“, sprach sie, „was die Wäsch‘ doch alles mit sich bringt! Beim Einweichen haben wir noch nichts gewußt. Und beim Plätten ist es schon so weit.“

Währenddessen hatte Joseph Gritzan wiederum etwas aus seiner Tasche gezogen, hielt es dem Mädchen hin und sagte: „Willst noch Lakritz?“

Autor: Christian K.

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